Die toughe und immer gut gelaunte Yavi, betreibt nicht nur ihren eigenen Blog Mama-moves.de, sondern hält uns auch via Instagram und Snapchat täglich auf dem Laufenden. Ihr aktuellstes Projekt “das 24h Fitnessprogramm” zieht, gefühlt, eine halbe Nation in den Bann und scheucht uns all abendlich raus aus unserer Komfort und rein in die Fitness Zone. Doch so leicht wie heute ging ihr das nicht immer von der Hand und ich muss gestehen, als ich diesen Artikel zum ersten Mal laß, rührte er mich zu Tränen, denn er ist ehrlich und mitten aus dem realen Leben gegriffen.

Liebe Yavi, Danke für diesen unglaublich mutigen und ehrlichen Einblick!


Von Schmerz und Stolz: Meine Fitnessreise

Wenn du in einer Familie aufwächst, in der dein Wohlergehen und dein Wert anhand deines materialistischen Besitzes und deiner Optik gemessen wird, beginnst du schon früh, dir Gedanken über dein „Haben“ und „Sein“ zu machen. Bis in die frühen Zwanziger konnte ich glücklicherweise so sein und so essen, wie ich wollte, denn ich war sehr schlank und nahm nicht zu, egal, wie viele Burger und Bonbons ich verdrückte. Ich trieb allerdings auch schon seit Kindesbeinen an Sport, probierte alles mögliche aus und blieb die längste Zeit im Hockey und Kung Fu hängen. Ich bemerkte schon da, wie sehr ich die körperliche Herausforderung genoss und irgendwann auch brauchte, vielleicht, um mich wertvoll zu fühlen, vielleicht aber auch, um vieles während des Sports zu vergessen, und vielleicht auch einfach, weil ich’s mochte. Was es auch immer war, es prägte mich stark und pflasterte den Weg zu einer gefährlichen Sportobsession – mit Happy End.

Aber schauen wir noch einmal zurück. Als ich mit 19 auszog, um in Düsseldorf zu studieren, ließ ich mein altes, gehasstes Leben zurück und begann ein neues, als neues Ich, mit eigenem Besitz, mit eigenen Werten und eigener Kontrolle. Leider begriff ich damals noch nicht, dass ich nicht täglich 10 km auf Zeit laufen musste, um jemandem zu gefallen. Zum Beispiel meinem neuen Freund, den ich auf meiner ersten Studentenparty kennenlernte und mit dem ich 3 Jahre zusammenbleiben sollte. Er war schön, er war klug und er war sportlich – ich fühlte mich wie seine schlechtere Hälfte, rauchte, ernährte mich schlecht und war auf eine Art… gebrochen. Von jetzt auch gleich machte ich einen Cut und ließ alles hinter mir, was nicht in meine „neue Welt“ passte. Ich hörte auf zu rauchen, begann mich mit guter Ernährung auseinanderzusetzen und kaufte mir schöne Sportklamotten, um beim Laufen im Park und in den Uni-Sportkursen schön zu sein. Ich aß immer weniger und immer schlechter, ich nahm immer mehr ab und sah immer schlechter aus – was ich erst jetzt, aus großer Distanz, sagen kann. Aber damals fühlte ich mich schön, schön für meinen neuen Freund, für Düsseldorf, für die Uni. Aber nicht schön genug, als dass ich auf schöne Klamotten verzichten wollte, also begann auch gleichzeitig meine Sucht nach Designer Kleidung, die das Auftreten perfektionieren wollte.

Erlaubt mir eine kurze Pause – ich muss gerade schmunzeln, denn das hier zu schreiben fühlt sich so surreal an, wie ein Roman, den ich schreibe, und die Protagonistin ist ein fiktives Mädchen. Diese Zeiten sind aber meine eigenen und iegen nur 10 Jahre und gefühlt 100000 Lichtjahre zurück! Jahre, in denen so vieles passiert ist und in denen mein Sport die unterschiedlichsten Ausmaße angenommen hat.

Bis zu meinem 23. Lebensjahr bestand mein sportlicher Alltag aus Laufen, einigen einfachen Fitness-Kursen an der Uni, etwas Yoga und einigen Bodyweight Übungen, die ich noch aus meinen Kampfsport-Tagen kannte. Und dann kam die Trennung von dem „schönen“ Freund und es begann ein neuer, aufregender Lebensabschnitt. Ich meldete mich im Fitnessstudio an und turnte erst ziemlich random auf irgendwelchen Kraft- und Cardiogeräten und auch mal auf den Matten herum, schaute mir Youtube-Videos an, um mehr über „Functional Fitness“ zu lernen und lernte gleichzeitig die richtigen Menschen kennen, die mir die Basics des Krafttrainings zeigten. Ich war also Single und war motiviert, hatte Zeit, hatte Lust, hatte Neugierde, verbrachte jede freie Minute mit meiner neuen #fitfam, in meinem neuen Zuhause, dem Fitnessstudio, zudem ich täglich 7 km radelte, um ein Maximum an sportlichem Input herauszuschlagen. Ich hatte neben dem Studium eine neue Passion entdeckt, die sich schleichend zur Obsession entwickelte.IMG_3280

Sie zögerte sich einige Zeit heraus, denn zwischenzeitlich verließ ich Deutschland, um im Ausland zu arbeiten. Ich war einige Zeit in Südafrika und lange Zeit in China, trieb dort nur moderat Sport, da die Möglichkeiten nicht immer gegeben waren und ich meine freie Zeit außerdem primär mit purem Lebensgenuss verbrachte.

Dann kam die Rückkehr nach Deutschland – 2011. Und ich wurde sehr krank. Brach zusammen. Ein ganzes Jahr China hatten mich mental und körperlich sehr geschwächt. Ich war ein anderer Mensch, von dem sich die für treu geglaubten Freunde abwandten. Heute verstehe ich auch warum: ich hatte mich vorher schon von ihnen abgewandt gehabt. Von Deutschland, von Düsseldorf. Ich hatte „die Welt“ gesehen, zurückgekommen fühlte ich mich eingesperrt, alles wirkte so trivial, so langweilig. Ich stürzte mich noch mehr in meine Arbeit als freie Journalistin, in den Sport, und schließlich in ein tiefes Loch, aus dem ich nur noch mit einigen Therapeuten und guten Freunden kam. Und als ich dachte, ich wäre stabil, brach meine sorgfältig wiederaufgebaute Welt zusammen.

Mein Papa wurde sterbenskrank. Mein Papa, dessen selbstverständliches Dasein mich lange Zeit hat vergessen lassen, wie sehr ich ihn eigentlich liebte. Und brauchte. Ich verbrachte von nun an jeden freien Moment mit ihm, denn ich wusste, sie waren gezählt. Ich verließ meinen Job, meine Freunde, Düsseldorf. Und das einzige, was mir blieb, war der Sport. Den konnte ich sehr gut zwischen den Besuchszeiten auf der Intensivstation treiben. Oh Gott, ich weiß noch, wie süchtig ich nach diesen sportlichen „Pausen“ war. Ich rannte wie eine Irre um den See an meinem Elternhaus, hörte laut Musik und weinte meist dabei, und je größer der Schmerz in meinem Körper nach dem Lauf war, desto besser fühlte ich mich. Nach dem Lauf folgten noch einige Kraftübungen zuhause und wenn ich mal nach Düsseldorf musste, schaute ich auch wieder in meinem Fitnessstudio für eine ordentliche Portion Kraftraining oder EMS vorbei. In dieser Zeit wurde aus meiner Sportliebe Sporttherapie, denn die Momente des körperlichen Schmerzes ließen mich meinen geistigen vergessen. Und sie gaben mir das Gefühl, stark und unkaputtbar zu sein.

Kurz nach der Erkrankung meines Vaters, während eines kurzen Besuchs im Fitnessstudio, trat unerwartet ein Mann in mein Leben. Und machte es kurz darauf zu einem besseren. Mein Vater sagte später lachend, dass er das alles so geplant hatte. Dass dieser Mann rechtzeitig in mein Leben treten MUSSTE, damit er beruhigt gehen konnte. Und so war er. Dieser Mann füllte allmählich eine Lücke, die der andere, mein geliebter Papa, hinterließ. Ein fließender Wechsel, würde mein Papa sagen. Dieser Mann rettete mich, war bedingungslos für mich da, zeigte mir in meiner schwierigsten Lebenszeit auch die Sonnenseiten des Lebens und er zeigte mir, wie Bodybuilding funktioniert. Und als mein Papa starb, waren dieser Mann und ich eine Einheit, bestehend aus zwei komplett gegensätzlichen Teilen.

Ein Team. Im Leben, im Fitnessstudio. Dieser Mann erklärte mir, welche Übungen welche Funktionen haben, welche Muskeln wie am besten trainiert werden, welche Ernährung Sinn macht, wie Aufbau, Definition und Regeneration zusammenspielen. Dieser Mann war nicht nur mein Liebhaber und bester Freund, sondern auch mein Trainer und größtes Fitnessvorbild.

… und eines Tages mein Verlobter. Und ich auf Wolke 19283. Die Hochzeit sollte perfekt werden, und so auch mein Körper. Ein neues Projekt begann. Eines mit einer makellosen Fassade und teuflichem Inhalt. Denn ich bündelte nun mein ganzes, über die Jahre gesammeltes Wissen in ein Hardcore-Sport-Paket und arbeitete an der besten Version meiner selbst. 4 x die Woche schweres Krafttraining, 2 x die Woche Crossfit, morgens Fasted Cardio und die Ernährung war eine Mischung aus Low Carb, Paleo und Kalorienzählen mit großem Defizit. Es war geil und erschreckend zugleich, wie gut es funktionierte, wie mein Fett sichtbar schmolz und meine großen, definierten Muskeln zum Vorschein kamen. Mein Ehrgeiz war stärker als meine Müdigkeit, und wenn mein Körper mal zu erschöpft für die nächste Trainingseinheit war, erlaubte ich mir mal eine Portion Carbs.IMG_6067 18.45.13

Am Tag der Hochzeit stand ich vor dem Spiegel und war zufrieden. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass ich noch mehr hätte rausholen können. Eine völlig verzerrte Wahrnehmung. Die ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht sah, und das obwohl die Periode bereits seit 9 Monaten ausgeblieben war. Wach wurde ich erst, als mir mein Frauenarzt das Ergebnis meines 10-Monate-Hochzeitscoundtown-Fitnesswahnsauf den Tisch knallte: Eierstöcke inaktiv, keine Spur von Schleimhaut, keine körpererigenen Östrogene, mit anderen Worten: Ich stand kurz vor der Menopause mit dem potenziellen Risiko einer Unfruchtbarkeit.

Ich hasste mich augenblicklich für meine Dummheit, die Leichtsinnigkeit, mit der ich großen Schaden angerichtet hatte. Mein Mann und ich wünschten uns nichts mehr, als ein eigenes Kind, und das war plötzlich in weite Ferne gerückt. „Rechnen Sie mit einer Schwangerschaft erst in einigen Jahren – wenn überhaupt“, sagte der Frauenarzt. Schock. Ich begann eine Hormontherapie, um die Menopause zu verhindern, ich nahm auf ärztliche Anweisung einige Kilos zu und baute das für die Östrogenproduktion so wichtiges Körperfett auf, ich gönnte mir Ruhe und Lebensfreude, ging nur zum Sport, wenn mir danach war, und wenn mir nach Schokolade und Pizza war, besorgte ich es mir. Mein Körper war erstmals frei, und so auch mein Kopf.

Dann passierte unser kleines, großes Wunder. Ich wurde schwanger, nach nur drei Monaten. Ich traute dem Glück nicht und rechnete mit einer Fehlgeburt oder zumindest einem kranken Kind. Diesen großen Segen eines gesunden Kindes stets vor Augen pflegte ich meinen Körper mehr denn je, ich achtete auf eine möglichst gute, ausgewogene und vielfältige Ernährung, ein gesundes sportliches Maß und ich schwor mir, niemals wieder in die alten kranken Muster zurückzufallen. Ich würde Mutter werden und mein Körper ist meines Babys Panzer, in und nach der Schwangeschaft.

Mein kleiner Lias hatte vieles verändert, und damit meine ich nicht nur meine Schlafroutine, meine Körperhygiene oder die Zweisamkeit mit meinem Mann. Lias war meine Chance auf Reflektion, Weiterentwicklung und Selbstfindung. Und obwohl ich heute bei weitem nicht so aussehe, wie zu meinen vermeintlich „besten“ Fitnesszeiten, fühle ich mich schöner denn je. Jede Hautfalte, jedes Gramm Fett trage ich mit Stolz. Und wenn ich einen Becher Eis verdrücke, gehe ich zwar mit Übelkeit, aber ohne schlechtem Gewissen ins Bett. Balance, Lebensqualität, Selbstbewusstsein, Stärke, Liebe.

Was Fitness heute für mich bedeutet? Sport zu treiben, weil ich meinen Körper liebe, und nicht, weil ich ihn hasse.beitragsbildsnapchatsportIMG_5186

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