GRENZEN AUS LIEBE

-Attachment parenting-

 

VORWORT

Das Blöde an der Sache mit der Erziehung ist doch, dass man sich selbst an alle Regeln halten muss. “Erziehen” -auch wenn man es nicht gerne so nennt-, hat für mich auch immer etwas mit Selbstreflexion und Eigenverantwortung zu tun. Verbote aussprechen und bestrafen ist einfach und ich weiß, auch wir sind so groß geworden, aber dieser ständige Groll macht keinen zufrieden.


 

Es gibt sie, diese Tage, an denen man seine eigenen Kinder nicht besonders gut leiden kann. Tage, an denen dich das Grenzen Testen deiner Lieblinge an deine eigenen Grenzen bringt und du dich irgendwann selbst trotzig und wütend wiederfindest, bis du Feuerwehrmann Sam die Sache überlässt und mit Schokolade um dich wirfst, damit die Brut Ruhe gibt. Es gab mehr als einen dieser Tage in den letzten 12 Monaten, die mich schier in den Wahnsinn getrieben haben. Und manchmal erwischte ich mich auch dabei, wie ich im Mitleid versank. Diese ganze Anstrengung drohte über mir zusammenzubrechen. Ich hab bis drei gezählt, hab gedroht und verboten, aber wirklich etwas verstanden hat mein Kind nur in den Momenten, in denen ich selbst ruhig geblieben bin.

Autonomiephase ist der Teil der kindlichen Entwicklung, in dem das Kind schreiend vorm Süßigkeitenregal liegt und um sich schlägt, während du die Bekloppte bist, die nebendran liegt, weil du mal irgendwo gelesen hast, dass es besser für die Entwicklung sei, es liebevoll zu begleiten, anstatt das Kind an einem Bein hinter sich aus dem Geschäft zu ziehen.

Attachment parenting liest sich in der Literatur sehr einfach. Es wird von neuronalen Verbindungen im kognitiven Gehirn und dem präfrontalen Kortex gesprochen, wird mit der Tierwelt verglichen und überhaupt rieselt alles total simpel auf Einen ein. In der Leserin, die in diesem Fall, meistens die Rolle der Mutter übernimmt, wird ein extremes Bedürfnis nach Schutz für den eigenen Spross geweckt, schließlich kann er nichts für sein Verhalten, im Gegenteil, er “bittet” um Hilfe. Doch wenn der vierte Lippenstift die Wand verziert, hast auch du keine Lust mehr auf liebevolles Begleiten. Schließlich hast du bei den drei davor schon die Nerven behalten, hast dein Kind und den Lippenstift, wie sich das gehört, aus der Situation genommen, und in Ruhe erklärt, dass weder die Wand noch der Lippenstift Interesse an einer Zusammenkunft hätten.

 

Doch wie soll das laufen, diese Erziehung ohne zu erziehen?

 

Ganz wichtig finde ich hier, immer daran zu denken oder besser gesagt zu beachten, dass jede Familie eine individuelle Situation hat, auf die man eingehen sollte. Und so muss man sich auch bei der bedürfnisorientierten Erziehung erst mal die Frage stellen, wie der Alltag in der eigenen Familie in der Regel abläuft. Ich persönlich halte es von unschätzbarerer Bedeutung, nichts zu pauschalisieren, was das “bedürfnisorientierte” Leben innerhalb der Familie betrifft. So kann es natürlich sein, dass die befreundete Mutter von nebenan, es ganz anders handhabt, was aber nie bedeutet, dass einer von euch Beiden einen Fehler macht. Jede Familie hat eben ihren eigenen Rahmen, Punkt!

Grundsätzlich sind wir als Eltern gefragt, wir, die unsere Kinder auf ihrer Reise begleiten, geben ganz individuell den Rahmen vor; überschreitet das Kind eine dieser Grenzen, werden wir Eltern vor die Wahl gestellt, wir können so handeln, wie viele von uns es selbst gelernt haben: indem wir unsere Grenzen rigoros durchsetzten, sei es durch Verbote, durch lautes Schimpfen und durch Bestrafen oder wir begeben uns immer wieder auf Augenhöhe, ruhig, liebevoll, verständnisvoll und aufrichtig.

Wer jetzt denkt, na toll, so wird die nächste Generation “Weicheier” herangezogen, kann ja mal den Selbstversuch wagen, indem er bei dem nächsten größeren Disput, sein um sich schlagendes Kind einfach vom Boden aufkratzt und ganz fest in den Arm nimmt. Die Sache wird sich schneller geklärt haben, als ihr es realisieren könnt.

Das alles ist natürlich situationsabhängig und ich mache auch nicht alles richtig, im Gegenteil, ich lerne jeden Tag dazu. Niemand von uns wird je alles richtig machen, befreit euch besser gleich davon und hört auf nach links und nach rechts zu schauen. Kurzes Beispiel: Hin und wieder wende ich “Wenn-Dann-Sätze” an, die ja eigentlich keiner mehr verwenden will, aber es kommt eben darauf an, wie man so etwas tut. Ein “Wenn-Dann-Satz” der eine Strafe androht, sollte keine Option sein, Einer der aber plausibel den Zusammenhang erklärt – und gegebenenfalls begleitet – schon.

Wenn sich mein Sohn also morgens nicht anziehen lässt, obwohl die Uhr schon 10 Minuten gegen uns spielt, greife ich manchmal auf diesen Trick zurück, in dem ich sage, dass WENN er sich jetzt schnell anziehen lässt, wir DANN noch genug Zeit haben, um eine Brezel zu kaufen oder ich sage, dass er DANN den Sitzkreis im Kindergarten nicht verpasst und Simsalabim sitzt da ein angezogenes Kind und wir können ohne Theater in den Tag starten. Ich überlasse quasi ihm die Entscheidung. Ich finde es an der Stelle auch insofern wichtig, dass das Kind weiß, wenn ich kooperiere, kann es so laufen, wie ich es mir wünsche. Diesen Gedanken finde ich persönlich gerade für die Schule später enorm wichtig. Viele denken, dass Erziehen ohne Erziehung nur bedeutet, seinen Kindern alles durchgehen zu lassen, doch viel mehr ist es ein an die Hand nehmen und versuchen innerhalb der Familie Kompromisse zu finden, die jeden glücklich machen.

 

Drehen wir die Situation mal um.

 

Gleiches Szenario, das Kind lässt sich nicht anziehen, die Uhr spielt auch hier schon lange gegen dich und deinen Zeitplan, doch diesmal entscheidest ausschließlich du, ohne Kompromisse. Ich gebe dir Brief und Siegel darauf, dass das in Chaos und Unverständnis ausarten wird. Man muss sich ganz einfach von dem Gedanken befreien, über sein Kind bestimmen zu können, ohne ihm die Chance auf Verständnis oder einen Kompromiss zu geben. Stellt euch vor euer Partner würde während ihr ein Magazin am Lesen seid oder ein Buch oder weiß der Geier was, auf euch zu kommen und euch, ohne jede Erklärung, dazu auffordern euch anzuziehen. Niemand würde sich das bieten lassen, also müssen wir damit aufhören den Willen unserer Kinder zu brechen, indem wir über sie bestimmen, was nie bedeutet, dass es keine Regeln gibt oder du dich komplett aufopfern musst, im Gegenteil: auch du hast Bedürfnisse, die du ganz klar vor deinem Kind kommunizieren darfst.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das alles manchmal sein kann und auch mein Sohn ist schon auf die Straße gelaufen und ich habe wie eine Irre rumgebrüllt, aber das ist die Ausnahme. Die Konsequenz war damals übrigens, dass er eine Weile nicht mehr laufen durfte, sondern im Buggy verharren musste. Da war es mir persönlich auch egal, wie pädagogisch wertvoll und wie Attachment Parenting das war. Was ich damit sagen möchte ist, dass niemand von euch verlangt, eurem Kind nachdem es euch eine geklebt hat, noch zum Dank über den Kopf zu streicheln, in so einem Moment dürft ihr ruhig auch mal sagen, dass ihr keine Lust mehr habt, wenn euer Kind dann auf euch eingeht, könnt ihr es ja in Ruhe noch mal erklären. Vielmehr möchte ich sagen, dass es sich lohnt, im Alltag egal wie stressig er ist, nicht mit Verboten und Strafen um sich zu werfen. Nehmt euch die Zeit, findet die Ruhe und behandelt eure Kinder auf Augenhöhe, ich verspreche es lohnt sich.

Eure Cruchi

 

Bild: Sylvia Lunkwitz

 

 

 

 

 

 

 

 

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